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Wenn Eltern Einfluss nehmen: Das Machtvakuum im Jugendtennis und die Rolle des Mannschaftsführers

Kernthese: „Nachwuchs scheitert im Jugendtennis selten am Talent – sondern an Strukturen, die Leistung aus Rücksichtnahme ausbremsen.“

Ein stiller Spieltag – und eine laute Frage

Es ist Samstagmorgen auf einer Tennisanlage irgendwo in Deutschland. Drei Plätze sind belegt, Kinder in Vereinskleidung spielen Punktspiele. Am Rand stehen Eltern, einige ruhig, andere nervös. Zwischen Aufmunterung und Einmischung liegt oft nur ein schmaler Grat. Ein Trainer ist nicht zu sehen. Die sportlichen Entscheidungen trifft heute der Mannschaftsführer – ein Ehrenamtlicher, meist selbst Elternteil.

Und genau hier beginnt ein strukturelles Problem, das viele Vereine kennen, aber selten offen benennen. Wer führt Jugendmannschaften wirklich, wenn kein Trainer anwesend ist? Und nach welchen Kriterien werden sportliche Entscheidungen getroffen, wenn Fachkompetenz, Verantwortung und Autorität auseinanderfallen?

Mannschaftsführer im Jugendtennis steht unter Druck durch Eltern am Spielfeldrand
Mannschaftsführer im Jugendtennis

Die Rolle des Mannschaftsführers – offiziell klar, praktisch diffus

Auf dem Papier ist die Aufgabe des Mannschaftsführers klar umrissen. Er organisiert Spieltage, meldet Aufstellungen, kommuniziert mit gegnerischen Teams und gibt Ergebnisse weiter. In der Realität jedoch wird diese Rolle häufig deutlich ausgeweitet, insbesondere im Jugendbereich.

Gerade in den Altersklassen U10, U12 und U15 wird der Mannschaftsführer schnell zur zentralen Entscheidungsfigur. Nicht, weil er diese Rolle anstrebt, sondern weil sie ihm zufällt.

Trainer sind am Spieltag oft nicht präsent, Jugendwarte weit entfernt, klare sportliche Leitlinien fehlen. So werden organisatorische Aufgaben schleichend zu sportlichen Führungsaufgaben.

Der Mannschaftsführer entscheidet dann nicht nur formal, sondern faktisch über Einzel- und Doppelaufstellungen, über Einsatzzeiten und Reihenfolgen – und damit indirekt über sportliche Perspektiven. Dabei handelt es sich meist um engagierte Ehrenamtliche ohne trainerische Ausbildung. Die Verantwortung wächst, die Legitimation bleibt aus.

Wenn der Trainer fehlt, entsteht ein Machtvakuum

In vielen Vereinen trainieren Coaches unter der Woche, sind an Spieltagen jedoch nicht vor Ort. Gründe dafür sind Zeitmangel, Kosten oder Personalknappheit. Die sportliche Leitung der Mannschaft existiert damit faktisch nicht.

Zurück bleibt ein Machtvakuum. Entscheidungen werden situativ getroffen, ohne fachliche Einordnung oder langfristige Perspektive. Der Mannschaftsführer wird zur letzten Instanz, ohne die Autorität zu besitzen, die diese Rolle eigentlich erfordern würde.

Wo Führung fehlt, entsteht Einfluss. Und Einfluss haben in diesem Umfeld vor allem jene, die konstant präsent sind. Im Jugendtennis sind das die Eltern. Sie begleiten ihre Kinder regelmäßig, erleben Siege und Niederlagen unmittelbar und entwickeln eine starke emotionale Bindung. Diese Nähe ist menschlich nachvollziehbar – sportlich jedoch nicht unproblematisch.

Elterlicher Einfluss im Jugendtennis – ein sensibles, aber reales Thema

Es ist wichtig, diesen Punkt differenziert zu betrachten. Die meisten Eltern handeln aus Fürsorge und Engagement. Ohne ihren Einsatz gäbe es in vielen Vereinen keinen Jugendspielbetrieb. Doch genau diese Nähe birgt Risiken.

Einflussnahme geschieht selten offen oder konfrontativ. Sie äußert sich leise, in Gesprächen am Spielfeldrand, in vermeintlich harmlosen Hinweisen, in Vergleichen zwischen Kindern oder in emotionalen Appellen. Der Mannschaftsführer steht dabei unter Druck. Er möchte es allen recht machen, Konflikte vermeiden und Fairness herstellen – und gerät dabei immer tiefer in eine Rolle, für die er weder ausgebildet noch abgesichert ist.

Da direkte Forderungen meist als unangemessen empfunden werden, verläuft Einflussnahme häufig indirekt und kontinuierlich. Nicht aus Kalkül, sondern aus Sorge um das eigene Kind. Doch genau diese Dynamik verschiebt den Maßstab. Sportliche Kriterien werden relativiert, Entscheidungen politisch, Entwicklung tritt in den Hintergrund.

Besonders betroffen: U10, U12 und U15

Je jünger die Kinder, desto stärker wirken sich strukturelle Schwächen aus. In der U10 sollte Freude im Vordergrund stehen. Doch bereits hier erleben Kinder Ungleichbehandlung, Spannungen und Unsicherheit. Entscheidungen wirken für sie willkürlich, Konflikte der Erwachsenen werden unbewusst übernommen.

In der U12 beginnt der Leistungsvergleich. Aufstellungen gewinnen an Bedeutung, Einsätze beeinflussen Selbstvertrauen und Motivation. Werden Entscheidungen nicht transparent oder sportlich nachvollziehbar getroffen, entsteht Frustration – insbesondere bei Kindern, die viel trainieren, aber wenig spielen.

In der U15 kommt die Pubertät hinzu. Sport wird Teil der Identität. Fehlende Perspektiven, reduzierte Einsatzzeiten oder das Gefühl, trotz Leistung nicht berücksichtigt zu werden, führen häufig zu Vereinswechseln oder zum vollständigen Rückzug aus dem Wettkampfsport.

Die unsichtbaren Folgen für die Kinder

Die größten Verlierer dieser Konstellationen sind nicht die Erwachsenen, sondern die Kinder. Verunsicherung, Leistungsstagnation trotz Trainingsfleiß, Vertrauensverlust und Rückzug sind typische Folgen. Kinder spüren sehr genau, ob Leistung zählt oder andere Faktoren den Ausschlag geben. Wenn sportliche Entscheidungen politisch wirken, verliert der Sport seine Glaubwürdigkeit. Motivation und Entwicklung leiden gleichermaßen.

Nachwuchseinbremsung durch Einflussnahme – wenn Potenzial keinen Platz bekommt

Besonders kritisch wird das Machtvakuum dort, wo starke und ambitionierte Kinder systematisch ausgebremst werden. Nicht durch mangelnde Qualität, sondern durch Entscheidungsprozesse, die Konflikte vermeiden sollen.

In Mannschaften ohne klare sportliche Führung versuchen Eltern mitunter, Einfluss auf den Mannschaftsführer zu nehmen, um dem eigenen Kind Vorteile zu verschaffen. Der Mannschaftsführer gerät erneut unter Druck und trifft Entscheidungen, die weniger sportlich als ausgleichend motiviert sind.

Für ambitionierte Kinder hat das gravierende Folgen. Sie benötigen regelmäßige Einzelspiele, anspruchsvolle Gegner und kontinuierliche Matchpraxis. Wird ihnen diese Plattform genommen, entsteht eine schleichende Nachwuchseinbremsung. Spielzeiten werden relativiert, Einsätze gekürzt oder mit vermeintlicher Gerechtigkeit begründet, obwohl sportlich andere Entscheidungen naheliegend wären.

Verpasste Spielzeit ist verpasste Entwicklung. Ohne Matchpraxis fehlen Wettkampferfahrung, mentale Stabilität und Fortschritte im Spielaufbau. Vor allem aber fehlen die Voraussetzungen, um sich sportlich einzuordnen und die eigene Leistungsklasse (LK) zu verbessern. Gerade für leistungsorientierte Kinder ist das fatal. Sie trainieren viel, zeigen Einsatz und stagnieren dennoch, weil ihnen die entscheidenden Wettkampfmomente fehlen.

Ambitioniertes Kind im Jugendtennis steht ratlos am Seitenrand ohne Spielzeit
Nachwuchseinbremsung

Für ambitionierte Kinder hat das gravierende Folgen. Sie benötigen regelmäßige Einzelspiele, anspruchsvolle Gegner und kontinuierliche Matchpraxis. Wird ihnen diese Plattform genommen, entsteht eine schleichende Nachwuchseinbremsung. Spielzeiten werden relativiert, Einsätze gekürzt oder mit vermeintlicher Gerechtigkeit begründet, obwohl sportlich andere Entscheidungen naheliegend wären.

Verpasste Spielzeit ist verpasste Entwicklung. Ohne Matchpraxis fehlen Wettkampferfahrung, mentale Stabilität und Fortschritte im Spielaufbau. Vor allem aber fehlen die Voraussetzungen, um sich sportlich einzuordnen und die eigene Leistungsklasse (LK) zu verbessern. Gerade für leistungsorientierte Kinder ist das fatal. Sie trainieren viel, zeigen Einsatz und stagnieren dennoch, weil ihnen die entscheidenden Wettkampfmomente fehlen.

Der Mannschaftsführer weiß häufig um diese Unterschiede, entscheidet jedoch konfliktvermeidend. Lautere Stimmen gewinnen Einfluss, Leistung verliert an Gewicht, Talente stagnieren. Nicht aus Absicht, sondern aus Überforderung.

Langfristig verlieren diese Kinder Motivation, Vertrauen in den Verein und oft den Anschluss. Viele wechseln den Verein, andere geben den Leistungsgedanken ganz auf. Nicht, weil Talent fehlt, sondern weil Strukturen es nicht schützen.

Ehrenamt am Limit – warum Mannschaftsführer überfordert sind

Mannschaftsführer sind selten Verursacher dieser Probleme. Sie sind Puffer. Sie tragen Verantwortung ohne Ausbildung, Rückendeckung oder klare Leitlinien. Zwischen Dankbarkeit und Erwartungsdruck werden sie zu Blitzableitern für strukturelle Defizite.

Warum das kein Elternproblem, sondern ein Strukturproblem ist

Eltern pauschal zu kritisieren greift zu kurz. Das eigentliche Problem liegt in fehlender Trainerpräsenz, unklaren Zuständigkeiten, Kostendruck und einer Überlastung des Ehrenamts. Solange Vereine diese Realität nicht offen adressieren, wird sich das Machtvakuum immer wieder neu füllen.

Was Vereine daraus lernen müssen

Die Lösung liegt nicht im Verbot, sondern in Klarheit. Trainer müssen als sportliche Instanz sichtbar sein, Entscheidungsprozesse transparent, Rollen eindeutig definiert. Das schützt Kinder, Ehrenamtliche und den sportlichen Gedanken gleichermaßen.

Das Machtvakuum im Jugendtennis ist Realität. Wenn Trainer fehlen, Rollen verschwimmen und Ehrenamtliche allein gelassen werden, entstehen Entscheidungsprozesse, die selten offen, aber oft folgenreich sind.

Besonders gravierend ist die Nachwuchseinbremsung. Leistungsstarke Kinder verlieren Spielzeit nicht wegen mangelnder Qualität, sondern weil sportliche Kriterien hinter Konfliktvermeidung und elterlichen Erwartungen zurücktreten. Verpasste Einsätze bedeuten verpasste Entwicklung – und verpasste Chancen, sich sportlich weiterzuentwickeln und die eigene Leistungsklasse (LK) zu verbessern.

Der Mannschaftsführer steht dabei häufig zwischen allen Fronten. Er soll organisieren, beruhigen und ausgleichen – und trifft Entscheidungen, die langfristig mehr schaden als nützen. Nicht aus böser Absicht, sondern aus struktureller Überforderung.

Wer Jugendtennis nachhaltig entwickeln will, muss genau hier ansetzen. Bei klarer sportlicher Führung, eindeutiger Rollenverteilung und dem Mut, Leistung wieder als Maßstab zuzulassen. Nicht gegen Eltern. Nicht gegen Ehrenamtliche. Sondern für die Kinder – und für ihr Potenzial.

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Melissa Neumann - Redakteurin bei SchlägerClub.de

Melissa Neumann spielt erfolgreich in der Verbandsliga und trainiert mit Herzblut Kinder im U10-Bereich. Ihre Leidenschaft gilt nicht nur Technik und Taktik, sondern auch dem mentalen Spiel. Mit Erfahrung, Fachwissen und einem feinen Gespür für Praxisnähe gestaltet sie Inhalte, die Spielerinnen und Spieler wirklich weiterbringen – unterstützt durch moderne KI und eigene Erfahrung auf dem Platz.

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